Mail vom 24.Dezember 2004
Hallo zusammen!
Nun, da sich das Jahr so langsam dem Ende zuneigt, will ich vorher noch ein bisschen aus der Ferne berichten.
Anfang Dezember war ich in Sang Sang am Río Coco. Dort fand eine Jugendveranstaltung der Kirche statt, ich hielt dort einen Vortrag zum Thema "Globalisierung".
Sang Sang, das klingt nicht nur chinesisch, sondern ist auch mindestens so weit weg. Wir waren insgesamt drei Tage unterwegs für rund 120 Kilometer Luftlinie (ok, ein Tag davon Aufenthalt, weil das Schiff doch erst einen Tag später gefahren ist). Erstmal sechs Stunden mit dem Bus (140km) nach Waspám bzw. Waspán (wie man das wirklich schreibt, weiß keiner so genau). Das ganze mit einem alten Ami-Schulbus auf Straßen, die den Namen nicht verdienen. Dass der Bus die Sand/Schotterpiste mit ihren vielen Schlaglöchern überhaupt bewältigt kriegt, ist schon eine ganzschön gute Leistung. Ich fahre die meiste Zeit auf dem Dach, da haben meine Beine wenigstens Platz. Sobald dann die Straße aber auch nur ein bisschen besser wird, drückt der Fahrer aufs Gas und auf dem Dach komme ich mir ein bisschen vor wie in einer Achterbahn und hoffe nur inständig, dass keine Loopings kommen.
Dann tauchen auch schon die ersten Stromleitungen auf, wir sind in Waspám angekommen. Ein kleines Städtchen mit rund 12.000 Einwohnern, Hauptstadt des Gebietes Río Coco, an der Grenze zu Honduras. Idyllisch zwischen Hügeln gelegen, verbreitet Waspám fast schon ein bisschen Charme. Deutlich kleiner als Bilwi, aber die wichtigsten Sachen gibt es auch hier. Aber es ist dunkel, zumindest nachts. Denn Strom gibt es seit Tagen nicht. Nach Sonnenuntergang tauchen Kerzen die Häuser in ein schummriges Licht. Wer es sich leisten kann, stellt sich einen kleinen Generator hinters Haus und macht so seinen eigenen Strom.
Wir stehen um zwei Uhr nachts auf, packen unser Zeugs und laufen durch das schlafende Städtchen zur Anlegestelle. Dazu müssen wir auch den Flugplatz überqueren, tagsüber grasen hier die Kühe. So um halb vier fährt das Boot dann mit rund 60 Leuten und ihrem Gepäck los. Die nächsten 13 Stunden tuckert es langsam, angetrieben von einem Außenbordmotor, die Windungen des Río Coco aufwärts. Mit der Zeit wird das schon ein wenig ungemütlich. Sitze gibt es nämlich keine im Boot, auch kein Dach.
Kurz vor Sonnenuntergang kommen wir in Sang Sang an. Viel gibt's da nicht. Seit ein paar Monaten erzeugen kleine Solarzellen tagsüber Strom, der abends dann ein bisschen Licht spendet. Um die Häuser wuseln Schweine und Hühner. Pferde und Kühe grasen etwas abseits. Drei Kirchen gibt es, eine Grundschule. Und Pepsi-Cola. Ich schlafe nachts in der Hängematte.
Brauche ja wohl nicht zu erwähnen, dass es in Sang Sang hauptsächlich Reis mit Bohnen zu essen gab. Zweimal am Tag nämlich, mittags gab's Reis mit Yuca. Für die Nichtvegetarier (aso alle außer mir) gab's auch Fleisch dazu. Gibt aber auch recht witzige Sachen zum Essen hier in Nicaragua: Die fruta de pan zum Beispiel, auf Deutsch also Brotfrucht. Die ist ungefähr so groß wie eine kleine Wassermelone und giftgrün, wächst an Bäumen. Ihr Äußeres zeigt also keineswegs, was in ihr steckt. Schält man sie und schneidet sie auf, hat sie Ähnlichkeit mit einer Aubergine. Kocht man dann das Fruchtfleisch und fritiert kleine Streifen, schmeckt das wirklich exakt so wie Pommes Frites. Nur sind die papas fritas aus der Pommesfrucht billiger und bestimmt viiiieeeel gesünder als die aus der Knolle... Zurzeit gibt's auch ganz viele Grapefruits. Die sind superlecker und das Stück kostet umgerechnet nur rund fünf Cent.
Andere Ausländer trifft man hier auch manchmal. Zum Beispiel den deutschen Botschafter in Nicaragua. Der ist erst seit ein paar Monaten im Amt und war zu einem Antrittsbesuch in der Stadt. Hat auch die Iglesia Morava besucht und so ist er mir zufällig über den Weg gelaufen. War ganz nett, sich ein bisschen mit dem zu unterhalten.
Dann hab ich auch was zu arbeiten. Gebe zwei Gruppen täglich Englischunterricht. Eigentlich ein Kurs für "Jugendliche", aber irgendwie reicht die Altersspanne inzwischen von zehn bis 50 Jahren wobei der Schwerpunkt aber schon im jugendlichen Alter liegt. Ist nicht so einfach mit den Leuten zu arbeiten. Viele kommen immer zu spät oder sehr unregelmäßig, machen keine Hausaufgaben, passen nicht auf etc. Aber es gibt auch ein paar sehr motivierte. Und das ganze macht schon Spaß.
Dass jetzt Wehnachten vor der Türe steht, kann ich nicht so recht glauben. Aber der Kalender sagt es ganz eindeutig und auch hier in der Stadt merkt man es schon. Im Radio werden Weihnachtslieder rauf und runter gespielt, manch einer schmückt sich sein Haus mit kitschigen Lichterketten oder stellt sich einen netten schneebedeckten Plastiktannenbaum auf den Balkon. Für mich ist es das erste Mal, dass ich an Weihnachten nicht zu Hause bin, irgendwie ein komisches Gefühl.
Der November und Dezember waren hier ziemlich verregnet. Bis auf ein paar Tage kein Dauerregen, aber doch recht häufig kräftige Regengüsse. Oft kann man regelrecht zuschauen und zuhören, wie der Regen näherkommt. Ein paar hundert Meter entfernt regnet es schon. Der Regen kommt näher, das Prasseln wird lauter, es hört sich an wie ein Zug, der herangerast kommt. Ein paar Sekunden Zeit, um ein schützendes Dach zu suchen oder einfach nur darauf zu warten, wie alles patschnass wird. Der Regen wird bald weniger werden, es wird Sommer.
Das war mal wieder ein bisschen was Neues von mir aus Nicaragua. Ich wünsche euch allen ein schönes Weihnachtsfest und ein gutes neues Jahr 2005! Und freu mich natürlich immer, was von dem ein oder anderen zu hören...
Viele Grüße
Sebastian