Mail vom 26.Oktober 2004




Einen wunderschönen guten Morgen!
Noch ist es ziemlich dunkel. In der klaren Luft funkeln die Sterne am Himmel. Kurz vor fünf Uhr morgens ist es ziemlich ruhig in der Stadt, sogar die Hunde sind erstaunlich still. Vlad (der zweite Freiwillige aus Deutschland) und ich gehen joggen, treffen uns mit einem Baseballspieler, der im Stadion mit seiner Manschaft trainiert. Es wird helller, die Sonne geht auf. Der erste Stand am Straßenrand verkauft schon Gemüse. Vor der Bank fallen den beiden Wachleuten fast die Augen zu und die Gewehre aus der Hand. Bestimmt freuen sie sich, dass ihre Schicht bald zu Ende ist und die Ablösung kommt. In der Stadtmitte, rund um den Park, liegen viele Flaschen auf dem Boden verteilt. Daneben schwarz-rote Plastikfahnen der sandinistischen Partei. Überbleibsel von der Wahlkampfveranstaltung gestern Abend. Jetzt ist es kurz nach sieben Uhr und die Sonne brennt schon recht heftig vom Himmel herab. Ich sitze im Schaukelstuhl vor unserer Wohnung. Meine kleine Solarzelle liefert den Strom für meinen Organizer. Jetzt bin ich ja schon zweieinhalb Monate in Nicaragua und es wird mal wieder Zeit für eine Mail aus dem Sommer. In vielerlei Hinsicht hab ich mich hier eingelebt, an viele Sachen gewöhnt, manches jedoch ist für mich immer noch schwer zu verstehen. Zum Beispiel, wenn Müll einfach über den Zaun entsorgt wird oder im Garten verbrannt wird (die deutsche Mülltrennung lässt grüßen). Vor einer Woche bin ich umgezogen. Ich Wohne jetzt mit Vlad (und einer Fledermaus, ein paar Echsen, Insekten und anderen Tieren) in einer Wohnung der Kirche. Die war lange unbewohnt, sah auch so aus. Inzwischen ist sie ganz gut bewohnbar. Nicht weit weg von der Schule und auch ins Zentrum läuft man nur knapp eine Viertelstunde. Nur einen Steinwurf entfernt wohnen zwei Mädels aus Stuttgart, die für drei Monate in einem Kinderheim arbeiten. Der Deutschenantei ist also um 300% gestiegen... Das Wetter ist so wie immer. Viel Sonne, öfters mal Regen, warm (um die 35 Grad im Schatten). Nachts wird's dann schon kalt und das Thermometer fällt auch mal auf 25 Grad. Ich habe mich schon so an die Temperaturen hier gewöhnt, dass mir das manchmal echt schon kühl vorkommt. Was immer noch irgendwie komisch ist, dass es abends so früh dunkel wird. Da geht man abends automatisch früher ins Bett und früh aufstehen fällt mir leichter als in Deutschland. Als weißer Ausländer fällt man auf in der Stadt. Die meisten Leute sind nett, einige kommen auf mich zu, fragen woher ich bin. Fast alle wollen sehr gern fotografiert werden. Einige sind allerdings nur freundlich, weil sie Geld wollen. Gibt auch weniger nette Zeitgenossen. Einer von denen hat mir meinen Lieblingskugelschreiber geraubt. Mit Kriminalität ist es anscheinend schon ein Problem in Bilwi, auch wenn ich selbst zum Glück noch nicht so viel mitbekommen habe. Gibt in jedem Fall viele (junge) Leute, die nicht viel Geld und dafür viel Zeit haben. Die offizielle Statistik spricht von 90% Arbeitslosen in der Stadt. Ein unvorstellbar hoher Wert, ich denk aber dass viele auch arbeiten ohne registriert zu sein. Aber nicht nur die Arbeitslosigkeit ist größer als in Deutschland, auch die Spinnen und die Familien. Dass in Deutschland eine Familie im Schnitt nur 1,4 Kinder hat (hab den aktuellen Wert gestern bei der Deutschen Welle gehört) , kann hier keiner verstehen, "gibt es dort gesetzliche Beschränkungen?". Eine Familie hat hier schon mal zehn Kinder oder 20. Da die aber je nachdem von verschiedenen Vätern oder Müttern sind und alle möglichen Verwandten mit im Haus wohnen, ist oft schwer den Uberblick zu behalten. Ich hab manchmal den Eindruck, dass alle irgendwie miteinander verwandt sind. Was auch auffällt, dass es sehr viele junge Mütter gibt. Mit der Verständigung ist es ganz unterschiedlich. Manche Leute verstehe ich gut und kann mich gut verständigen. Dann gibt es aber auch welche, bei denen ich gar nicht so richtig erkenne, ob sie nun Englisch, Spanisch oder Miskito reden. Mit dem Englisch ist das hier so eine Sache. Gibt ja einige Menschen, die kreolisches Englisch als Muttersprache reden. Zu dem "British English" wie wir es in der Schule gelernt haben, gibt es aber schon einige Unterschiede, die manchen Englischlehrer zur Weißglut bringen würden. Englisch als Fremdsprache kann man neben wenigen Ausnahmen vergessen. Auch wenn manch einer schon bis zu 12 Jahre Englisch in der Schule gelernt hat, steht im ersten Jahr an der Uni "Simple Past" auf dem Lehrplan. Das sagt schon alles. So ist es bestimmt keine schlechte Sache, wenn ich bald mit Englisch-Unterricht für Jugendliche anfange. Über Deutschland wissen viele Leute hier kaum etwas. Ist das jetzt weiter weg als die USA? Selbst "Mercedes" kennt hier kaum jemand, zumindest einigen Jugendlichen ist Oliver Kahn ein Begriff (wobei ich natürlich erwähnen muss, dass er in Karlsruhe geboren wurde..) und Michael Schuhmacher. Da gibt es sogar im Radio ein total bescheuertes Lied: "1,2,3, los geht's, Michael Schuhmacher", oder so. Die Leute hören hier ziemlich gern Musik in voller Lautstärke, meist irgendwelches Ami-HipHop-Zeugs. Was hier auf jeden Fall anders ist als zu Hause, dass alles ein bisschen langsamer abläuft. Auch wenn manche betonen, dass sie viel zu arbeiten haben, macht sich hier keiner wirklich Stress. Ich hab zwar inzwischen schon was zu tun, aber so richtig haben's die Verantwortlichen noch nicht geschafft, das alles zu organisieren. Aus einem "morgen" wird da schon leicht mal ein "nächste Woche". Wenn man fragt, wann man kommen soll, heißt es oft einfach nur "por la tarde" - am Nachmittag. Wenn man dem anderen dann per Nachfragen eine Uhrzeit entlockt, hat das auch nicht unbedingt was genauere zu sagen. Eine Uhr brauchen die Leute hier im Prinzip nicht. Selbst, wenn sie mal aus ihrer eigenen Welt weggehen und zum Beispiel nach Managua aufbrechen, heißt es einfach nur "Ich geh mit dem ersten Flug".
Viele Grüße aus Nicaragua

Sebastian

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