Mail vom 2.September 2004
Bilwi (ich schreib ab jetzt immer Bilwi, ist am kürzesten und schönsten) ist für hießige Verhältnisse (nic. Karibikküste) riesengroß, aber im Prinzip nur ein großes Dorf mit immerhin 30.000 bis 50.000 Einwohnern. Vom Flugeug aus oder auch von einer kleinen Anhöhe, auf die ich gelaufen bin, sticht einem erstmal ganz viel Grün entgegen. Die unterschiedlichsten Bäume wachsen hier überall, die Häuser stehen nicht allzudicht aufeinander. Meist sind das einfache Holzhütten auf Pfählen, ein paar Steinhäuser gibt es auch. Soweit ich bisher gesehen habe, sind ans Stromnetz die meisten angeschlossen, doch der Strom fällt jeden Tag mindestens einmal aus. Fließend Wasser haben schon weniger, da kommt es mir so vor, dass es öfter ausfällt als zur Verfügung steht. Bilwi hat nichteinmal eine Handvoll geteerte beziehungsweise gepflasterte Straßen. Bei Regen verwandelt der rote Sand aller anderen sich ganz schnell in Matschepampe. Regnen tut's hier zur Zeit eigentlich jeden Tag, das kein ein kurzer Schauer an einem ansonsten sonnigen Tag sein oder aber heftige Regengüsse mit Gewitter, die fast ununterbrochen vom Himmel fallen. In Bilwi gibt es ein Baseballstadion, einen Supermarkt, zwei Straßenmärkte, einige Kirchen, einen nicht allzu großen, aber wichtigen Hafen und drei Internetcafés. Ein Kino gibt es auch, da will ich bald mal hingehen. Kaum war ich in Bilwi angekommen, ging's auch schon für ein paar Tage in die Pampa. Nicht weit, nur knapp 20 Minuten mit dem Auto und eine gute halbe Stunde mit dem Außenborder-Kahn entfernt, nach Karata, an der nach dem Dorf benannten Lagune gelegen. Dort fand eine "Conferencia de Niños" statt, das würde man in Deutschland vielleicht Jungscharwochenende nennen. Ich bin nicht zum Arbeiten da, sondern zum Anschauen und Kennenlernen. Karata, das sind vielleicht 20 Häuser, eine Kirche,eine Grundschule, ein Stromgenerator, ein Volleyballnetz. Kühe, Schweine und Hühner laufen frei herum. Mir erscheint vieles ein bisschen widersprüchlich. Es gibt kein fließend Wasser aber Handynetz, gekocht wird hauptsächlich auf einem Holzfeuer aber in der Kirche werden Mikrofone und ein Keyboard eingesetzt. Das Essen dort ist gut und reichlich, wenn auch nicht so abwechslungsreich. Was wird aufgetischt? Zuallererst Bohnen ( die kleinen roten Kidneybohnen), die gibt's bis zu dreimal am Tag. Dazu Reis oder Brot (Mais- oder Kokos-, sehr lecker). Zusätzlich manchml irgendwelche Wurzeln, die wie Kartoffeln schmecken oder (Koch)bananen. Fleisch oder Fisch auch, aber ja nicht für mich. Ist kein Problem kein Fleisch zu essen, sie wollen halt nur wissen, ob in Deutschland alle Vegetarier sind. Manche wissen nur, dass Deutschland unendlich weit weg liegt. Andere wisse immerhin, dass es deren zwei und eine Mauer gibt, während ein Pfarrerr regelrecht von Deutchland schwärmt und unbedingt Deutsch lernen will. Ich bringe ihm ein paar Begriffe bei. Im Gegenzug lehrt er mir etwas Miskito. Das werde ich wohl versuchen zumindest ein bisschen zu lernen, denn vieles findet hier nur auf Miskito statt, manch einer auf dem Land spricht gar kein oder nur ein paar Brocken Spanisch. Eigentlich wäre ich letztes Wochenende in einem Ort drei Bootsstunden auf dem Meer entfernt gewesen. Wegen einer Grippe/Erkältung bin ich aber dann dageblieben. Dafür durfte ich kürzlich am eigenen Leib erfahren, wie man auch als reicher Europäer ganz schnell arm sein kann. Keine Angst, ich wurde nicht ausgeraubt, sondern mein Bargeld war einfach alle. Kein Problem, könnte man meinen, es gibt ja Kreditkarten und so. Doch ein Problem. Wenn man nämlich in einer Stadt ist, in der es genau eine Bank gibt, in der man Kreditkarten eben kein Geld bekommt. Und die vor allem keine Traveller Cheques (mehr) eintauscht, auf die ich gesetzt hatte. Zum Glück hatte ich genug Reis und Bohnen gekauft, um nicht zu verhungern... Und mit Unterstützug meiner letzten Córdoba, des Internet und meines Bruders Tobias kam ich dann via Western Union zu Geld. Längerfristig wurde mit Hife einer Frau von der Kirche hier auch eine einigermaßen gute Lösung gefunden. Jetzt ist es kurz nach elf, die Sonne steht senkrecht am Himmel, grad weht ein angenehm frischer Wind, sitze hier auf einer Bank im "Park" (ein bisschen Gras und ein Spielplatz). Das war's von hier aus, viele Grüße nach Deutschland oder sonst wohin, macht's gut!
Sebastian