Mail vom 6. April 2005



Der Fuchs geht um...

Oder Staub, Erdbeereier und Wasserräuber

Einen schönen guten Tag allerseits!

Wie die Zeit vergeht. Irgendwie immer schneller. Gerade war noch Weihnachten, jetzt ist Ostern auch schon wieder vorbei. Ich hab mich inzwischen wohl gut eingelebt hier, bin ja auch schon eine ganze Weile da. An manche Sachen werde ich mich allerdings wahrscheinlich nie gewöhnen.

In der Semana Santa (Karwoche) wurde natürlich kaum gearbeitet, sondern gefeiert. Die einzige Woche im Jahr, wo am Strand ziemlich viel los ist (auch wenn es in diesem Jahr anscheinend anscheinend weniger Menschen waren als in den Vorjahren). An der „Bocana“ (dort wo das rostende Schiff liegt) wurde alles ein bisschen sauber gemacht und hergerichtet. Beleuchtung, Musik, sogar Abfalleimer. Zwei Karusselle wurden aufgestellt und ein Riesenrad. Aber vor allem ging es vor allem um die entsprechenden Getränke. In ganz Nicaragua sind im Rahmen der Feierlichkeiten 144 Menschen gestorben, die meisten in betrunkenem Zustand untergegangen.
Gottesdienste gab es natürlich auch die ganze Woche. Den, wo ich war, konnte ich dann allerdings nicht bis zum Schluss verfolgen. Hat ziemlich lange gedauert. Da wurden alleine 52 Kinder getauft (und das war nicht der einzige Programmpunkt).
Der Ostermontag war eigentlich kein Feiertag, trotzdem bleibt zum Beispiel die Schule zu (auch wenn mir vorher was anderes gesagt wurde...)
Eier färben und verstecken tut man hier nicht. Aber um ein bisschen die heimatliche Tradition zu pflegen, haben wir Deutsche hier das gemacht. Die Frage war dann erstmal: Mit welcher Farbe? Eierfärbfarbe gibt es natürlich nicht. Nach kurzem Überlegen kam mir die Idee: Die Anrührgetränke („frescos“), die’s hier immer gibt, sind doch knallbunt. Also erhitzen wir einfach rote Brühe (Orangen-Erdbeer-Geschmack angeblich), färben die Eier damit und malen sie danach noch ein bisschen an. Das klappte ganz schön gut.

Eigenlich wollte ich dieses mal nicht übers Wetter schreiben, weil ich das ja sonst immer mache. Aber es muss trotzdem sein, weil das auch große Auswirkungen auf das Alltagsleben hat. Es regnet fast nicht, in der Folge sinkt der Pegel der Brunnen immer weiter ab. Die städtische Wasserversorgung, an die sowieso nicht allzuviele Häuser angeschlossen sind, funktioniert noch unzuverlässiger als sonst. Mancher Brunnen liefert gar kein Wasser mehr. Akutes Problem für viele Leute: Wassermangel. Wir hier in unser Wohnung sind priviligiert, haben eine Wasserleitung vom IDSIM-Büro der Kirche, die dort auch Wasser verkaufen. Das spricht sich natürlich herum und so kommen die Leute und klauen Wasser aus dem Wasserhahn. Dann wird auch uns das Wasser abgestellt, weil zuviel verbraucht wird. Der Brunnen, den es auch noch gibt, von uns aber nicht benutzt wird, wird sowieso vom halben barrio fleißig in Anspruch genommen.

Zur Zeit hab ich recht viel tun. Nicht, weil mir irgendjemand Arbeit anbieten oder gar aufdrücken würde, sondern weil ich ja was machen will und mir so eben schaue, was ich machen kann. Im Moment unterrichte ich in verschiedenen Kursen Englisch, an der Secundaria Geographie und auch ein bisschen Formación Cívica (sowas wie Gemeinschaftskunde). Das macht meistens Spaß, ist manchmal auch ein bisschen nervig, wenn alle zu spät oder gar nicht kommen oder gar nichts kapieren wollen. In der Schule ist ein Problem, dass man so gut wie gar nicht auf Vorkenntnisse aufbauen kann, sondern immer von vorne anfangen muss.

Was mir in Deutschland kaum passiert ist: Ich wache oft vor dem Wecker auf. Und der ist meistens auf eine recht frühe Zeit gestellt. Aber es wird einfach auch verdammt früh hell und die Hähne krähen sowieso schon die ganze Nacht. Und es lohnt sich auch früh aufzustehen, so kurz nach fünf, und dann laufen. Joggen am Meer in der Morgensonne ist wohl eine der schönsten Aktivitäten hier. Sonst geh ich öfters mal Billard spielen, manchmal Basket- oder Volleyball. Lese was, oder wir schauen einen Film als völlig offiziell gekaufte DVD-Kopie auf dem Laptop. Und schlafe deutlich mehr als zu Hause.

Vor einer Weile konnte ich endlich einmal den Local Heroe der Musikszene live erleben. Zabú, der aus Bilwi stammt, jetzt in Miami(!) wohnt und immer mal wieder in seine Heimatstadt zurückkehrt, um seine Leute mit seiner auf Dauer ein bisschen nervigen Musik zu erfreuen. Auf Englisch, Spanisch und Miskito. War schon ganz witzig.

Manch einer wird sich vielleicht fragen, was es mit dem Fuchs auf sich hat. Das ist so: Wir haben einen neuen Mitbewohner. Der schläft tagsüber irgendwo und kommt nachts aus seinem Loch, um alles aufzufressen, was wir nicht sicher an der Decke aufgehängt haben. Bewegt sich belegant und geschmeidig. Ist sportlich, sieht witzig aus und inzwischen ganz schön dick. Was für ein Tier das ist, wissen wir nicht. Vlad meinte, es sei ein zorro. Und da wir keinen anderen Namen wissen, ist es jetzt halt der Fuchs, unser frecher Freund. Wohl eher aber handelt es sich um eine Mischung aus Ratte, Siebenschläfer, Marder und Ameisenbär. Hier ein Fahndungsfoto, aufgenommen von Vlad auf der Lauer.Zorro
Jetzt sind die in der Zoologie Bewanderten gefragt. Der erste, der mir den Namen des Tieres schreibt, bekommt einen Teller Reis mit Bohnen.

Eigentlich hatte ich gehofft, dass es im Sommer weniger Mosquitos gibt, aber irgendwie wollen die trotzdem stechen. Vor allem bei uns in der Wohnung fliegen die den ganzen Tag rum und saugen Blut.

Ansonsten sind natürlich immer auch die Hausarbeiten zu erledigen. Wäsche waschen, Wohnung putzen. Letzteres bringt allerdings nicht so viel, der rote Staub kehrt schneller zurück als er verschwindet.

Viele Grüße aus Nicaragua

Sebastian



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