Mail vom 16. Juni 2005



Die neue Zeit, Millionen Mangos und richtige Pampa

Hallo an alle!

Mir geht es gut. Ich wurde nicht von den Mosquitos aufgefressen (zumindest nicht vollständig) und auch nicht weggeschwemmt (soviel hat aber nicht gefehlt; der Winter hat begonnen, die letzten Tage hat es allerdings nicht geregnet).
Schon wieder eine ganze Weile her, dass ich das letzte Mal geschrieben habe. Jetzt fehlt ja gar nicht mehr viel von meinem Bilwi-Jahr, das ist irgendwie schon schade. Was ist so passiert die letzten zwei Monate?

Ich wurde von einer netten Volkszählerin gezählt, die recht wenig zu tun hatte, weil in unserem Haus keine 25 Leute wohnen. Davor schon hat die Mango-Saison angefangen und geht inzwischen so langsam wieder zu Ende. Die Frucht ist aus dem Alltag nicht wegzudenken. Man braucht nur eine x-beliebige Straße entlangzulaufen und sieht viele Leute mit einer Mango in der Hand oder im Mund. In der Stadt riecht es regelrecht nach den Früchten, es gibt einfach verdammt viele (die auch im Straßengraben vor sich hingammeln). Und auch viele Variationen, 43 Sorten angeblich. Die schmecken auch ganz unterschiedlich. Die, die auf dem Baum vor unserem Haus wachsen, sind leider ziemlich faserig. Die erste Mango aß ich oberhalb der Laguna de Apoyo (in der Nähe von Masaya), im Westen. Dort haben wir uns mit vielen anderen deutschen Freiwilligen in Nicaragua getroffen und Erfahrungen ausgetauscht.

Zurück stelle ich einen neuen persönlichen Geschwindigkeitsrekord auf: 15,5 Stunden nur mit dem Bus. Ich weiß nicht, ob es daran liegt, dass die Angelegenheit noch ein bisschen staubiger war.

Vorher in Managua, hatte ich einen ungewollten Kontakt mit der jugendlichen Straßenkriminalität, sprich ich wurde überfallen. Von mindestens fünf pandilleros mit Pistole, was ich ziemlich unfair fand. Für Angst war gar keine Zeit, ging alles ziemlich schnell. War dann aber recht glimpflich: Keine körperliche Schäden und soviel zum Klauen hatte ich gar nicht bei mir (aber all das hab ich nun nicht mehr). In Zukunft also mehr Vorsicht, auch wenn es nur knappt zehn Minuten zum Laufen sind, es gerade erst dunkel geworden ist und noch genügend andere Leute unterwegs sind. Danach war ich schon viel misstrauischer, wenn ich irgendwo entlang gelaufen bin.

Es hat sich was geändert in Nicaragua: die Zeit. Hingegen vieler Befürchtungen hat der Tag nachwievor 24 Stunden, die Uhr wurde lediglich um eine Stunde vorgestellt. Energie sparen lautet der offizielle Grund. Ich find’s super, abends ist es eine Stunde länger hell und morgens um fünf schlafe ich normalerweise sowieso noch. Aber viele Leute haben damit wahnsinnige Probleme. Viele haben ihre Uhr nicht umgestellt (zum Beispiel manche Schulen). Das führt zu Missverständnissen und einem kleinen Durcheinander, denn es existieren nun zwei Zeiten parallel.

In Musawás und den umliegenden Dörfern gilt nur eine Zeit – die alte. Energie sparen kann man da auch gar nicht, es gibt keinen Strom. Und auch sonst wenige Sachen, die man gemein hin mit dem Überbegriff „Zivilisation“ umschreibt. Keine Straßen zum Beispiel.

Ich habe die Möglichkeit den deutschen Pfarrer Ulrich Epperlein zu begleiten, der einige Jahre hier arbeitete, regelmäßig wiederkommt und auch der ist, der den Freilligendienst auf den Weg brachte. Wir machten uns auf in ein Gebiet, das viele costeños nur vom Hörensagen kennen.

Falls jemand eine Karte von Nicaragua hat: Mit dem Bus nach Rosita (die gleiche Strecke wie in Richtung Managua), mit einer Art holprigem Sammeltaxi nach Bonanza, dann mit dem Geländewagen bis zum Ende einer schmalen Schotterstraße. Die Städte im so genannten Minen-Dreieck sind nicht allzu vertrauenserweckend. Es herrscht eine angespannte Wild West-Stimmung. In Bonanza wird bis heute Gold gefördert.

Dann heißt es laufen, nicht allzulange, aber es wird auch schon bald dunkel. Wir verbringen die Nacht in Suniwás. Hier fängt das Gebiet der Mayangnas (Sumo) an, gut Zehntausend Mitglieder wird das Volk haben, so genau weiß das keiner. Sie benutzen ihre eigene Sprache, die mit dem Miskito näher verwandt ist als viele Miskitos glauben wollen. Überhaupt gibt es viele Vorurteile oder gar Diskrimininierung gegenüber den Mayangnas. Ich habe zum ersten Mal richtig heftigen Durchfall (auf nähere Einzelheiten verzichte ich an dieser Stelle), der zum Glück bald wieder wegging.

Rein luftlinientechnisch ist es nach Musawás ein Katzensprung. Es ist nicht weit, aber eben lang. Dort gibt es betonierte Gehwege, eine Krankenstation und eine Sekundarschule. In den Dörfern, die man durch Fußmärsche oder mit langen, schmalen Einbaumbooten erreicht, gibt es das alles nicht. Aber eines gibt es immer: eine Kirche der Iglesia Morava. Auch das ist ein Resultat der relativen Abgeschiedenheit, außer der katholischen Kirche an einigen Punkten, ist die Iglesia Morava die einzige Kirche. Die Pfingstkirchen kommen erst, wenn es eine Straße gibt. Die Menschen leben von der Subsistenzwirtschaft.

Die Tage sind geprägt durch Waschen im Fluss, Schlafen in der Hängematte (recht gemühtlich) oder in viel zu kurzen Holzbetten ohne Matrazen (recht hart). Und Laufen und Bootfahren zu anderen Dörfern. Zum Essen gibt es gekochte unreife Bananen und Reis mit Bohnen.

Mir gefällt es dort, zumindest für die kurze Zeit, die wir da sind. Es ist ruhig, beschaulich, ein grandioses Naturerlebnis. Ich sehe zum ersten Mal Ananas wachsen. Das Positive an der Abgeschiedenheit ist, das auch viele negative Einflüsse (noch) kaum ankommen: Drogen, bescheuerte US-Fernsehprogramme und die auf Dauer etwas nervige, aber sehr eingängige stark keyboard-basierende Diidididiidididiidädädää-Musik (der neueste Hit aus Honduras, den die Radiosender und Privatleute rund um die Uhr spielen). Und es gibt kein Coca-Cola oder Pepsi, das sagt doch alles.

Gewandert wird in richtigem Tempo, nicht dem üblichem Nica-Trott. Auf Dauer ist es aber schon anstrengend, Stunden durch den heißen Urwald zu stapfen. Zum Glück regnet es nicht, denn sonst wäre alles sehr schlammig und manche Wege wohl unpassierbar. Die Menschen erscheinen mir sehr lebensfroh und freundlich. Es ist für mich allerdings mit der Kommunikation nicht immer so einfach, was an meinen fehlenden Mayangna-Kenntnissen liegt.
Wieder zurück nach Bilwi zu kommen ist dann aber auch immer wieder schön. Auch wenn dort vieles eher unschön ist. Zumindest die gefühlte Kriminalitätsrate ist gestiegen, zum Beispiel. Von den ganzen politischen Auseinandersetzungen mit brennenden Autoreifen und so erfährt man hier aber auch nur aus der Zeitung.

Während manch ein Politiker in Deutschland sogar vorhat(te) den Nationalfeiertag abzuschaffen, wird hier mit den Feiertagen eine sehr arbeitnehmerfreundliche Regelung praktiziert. Fällt der Feiertag auf einen Sonntag, wird er einfach am darauffolgenden Montag nachgeholt (oder schon am Freitag vorgeholt oder am besten beides). Die Schule ist da ganz besonders aktiv und feiert fast alles vom Tag des Baumes bis zum Muttertag. Inzwischen wird schon für den Nationalfeiertag (im September) Tanzen und Trommeln geübt und auch der Vatertag wurde angekündigt. Viele Schüler haben da nur ein Problem: Einen Vater, so etwas haben sie gar nicht.

Dafür vielleicht ein Haustier, das man bei uns durchaus als „exotisch“ einstufen würde. Ein grüner Papagei, ein Ameisenbär, ein Affe oder ein kleines Krokodil (auf was für Musik fährt man in Deutschland inzwischen eigentlich ab??). Dessen großer Bruder (2,5m lang vielleicht) wohnt in Puerto Corinto an der Pazifikküste im Stadtpark, frisst nur Hähnchen und hat sich angeblich noch keinen unvorsichtigen Betrunkenen einverleibt.

Zum Schluss noch eine Ankündigung: Ich komme wieder und weiß inzwischen auch wann. Am 16. September bin ich wieder in Karlsruhe und bald darauf irgendwo in Deutschland zum Studieren. Freu mich drauf und ess jetzt erstmal eine calala, keine Ahnung wie die Frucht auf Deutsch heißt, ist aber sehr lecker.


Viele Grüße

Sebastián

P.S.
Hier gibt’s ein paar Bilder von der Musawás-Reise...



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