Mail vom 10. März 2005
Hallo an alle!
Hier in Nicaragua ist jetzt Sommer. Das heißt, es ist nicht nur gut warm (das ist es immer), sondern auch ziemlich trocken. Im Westen regnet es Monate gar nicht, hier an der Ostküste nur ab und zu, so wie vor ein paar Tagen, das erste Mal seit Wochen. Montag/Dienstag vor einer Woche bin ich mit dem Bus von Managua nach Bilwi zurückgekommen. Das hat nur 22 Stunden gedauert, was für das 560km-Abenteuer ziemlich schnell ist. Und so ein Abenteuer war's dann auch nicht. Gemütlicher als ich mir's vorher vorgestellt hab und ohne besondere Zwischenfälle. Auf jeden Fall eine gute Möglichkeit, die Vielfalt des Landes aus nächster Nähe anzuschauen (außer nachts, da hab ich geschlafen und da war's sowieso zu dunkel) und billiger als der Flug ist's natürlich auch.
Der Grund, wieso ich überhaupt von Managua kam, ist, dass ich in Costa Rica im Urlaub war (und dadurch auch eine neue Aufenthaltsgenehmigung bekommen habe; ("72h außer Landes").
Die Beziehung zwischen Nicaragua ("Nicas") und Costa Rica ("Ticos") ist traditionell nicht unbedingt die beste. Fragt man die Leute, wiegeln sie erstmal ab. Eigentlich habe man ja gar nichts gegeneinander, aber... Dann werden da schon so ein paar Sachen genannt. Die Nicas zum Beispiel seien zu agrssiv und gewalttätig, die Ticos ihrerseits hochnäsig, fühlten sich als etwas besseres, undsoweiterundsofort. In jedem Fall leben und arbeiten einige hunderttausend Nicas dauerhaft in Costa Rica und machen vor allem die Jobs, welche die Ticos nicht machen wollen.
Angekommen in San José erlebe ich erst einmal einen kleinen Kulturschock. In der Fußgängerzone sind Menschenmassen beim Stadtbummel und an jeder Ecke ein amerikanisches Fast Food-Restaurant. Zumindest die Innenstadt könnte auch irgendwo in Europa sein. Das heißt eigentlich war die Fahrt mit dem Ticabus schon ungewöhnlich: verstellbare Sitze, Videoschirme, Toilette.
Costa Rica ist in vielerlei Hinsicht anders als der Rest der zentralamerikanischen Staaten. Die jüngste Geschichte ist nicht kriegerisch, die Armee abgeschafft. Der Lebensstandard ist höher, zumindest für viele, denn Armut es auch hier genug. Neben Kaffee und Bananen haben die Ticos eine sprudelnde Geldquelle schon vor vielen Jahren entdeckt - den Tourismus. Und die Touristen strömen aus aller Welt, suchen die Wärme, die Natur und die Englisch sprechenden Hotelangestellten. Damit wird Geld gemacht. Fast jeder Mini-Wasserfall kostet Eintritt, die Nationalparks sowieso (so zwischen 6 und 8 Dollar, für die Ticos selbst und die dauerhaft dort wohnenden Auslaender ist's billiger). Zum Glück ist ein Teller Reis mit Bohnen immer noch ziemlich preiswert.
Hab keinen richtigen Plan für meine Reise, aber primär einen Wunsch: endlich mal wieder in die Berge. Also ab nach Süden, mit dem Bus die Interamericana entlang, am Cerro de la Muerte ("Berg des Todes") vorbei. Ich will auf den höchsten Berg, den Cerro Chirripó (3.820m). Die Schwierigkeit dabei liegt weniger beim Berg selbst als bei dem permiso. Denn der Berg liegt natürlich in einem Nationalpark und da darf man nicht einfach so reinmarschieren. Bei der Besteigung übernachtet man normalerweise in einer Berghütte auf dem Weg und da muss man auch erstmal einen Platz kriegen. Was ich von anderen Reisenden höre, klingt nicht so toll. Ausgebucht bis Mai, keine Chance. Dann treffe ich aber einen, der hatte keine Reservierung vorher und konnte trotzdem hoch. Also versuch ich's auch. Frag bei der Parkstation. Morgen nicht, wahrscheinlich uebermorgen. So ist's dann auch. Es ist eine schöne Wanderung nach oben. Am ersten Tag sind knapp 2.000 Höhenmeter zu ueberwinden, das ist wohl das anstrengenste bei der Sache. Der Pfad führt durch verschiedene Vegetationszonen stetig aufwärts. Da sind dann einige Dinge schon ein bisschen komisch. Zum Beispiel, dass auf 3.500 Metern noch Bäume wachsen. An eines muss man halt denken: Der Berg steht irgendwo in der Nähe des neunten Breitengrades. Am Mittag und Abend gibt's in der recht ungemütlichen Hütte Nudeln mit Tomatensosse. Zusammen mit einer Kanadierin, einem Schweizer und einem Schweizer-Kanadier (die anwesenden Ticos wollen lieber schlafen) stehe ich um drei Uhr nachts auf. Im Schein der Stirnlampen laufen wir die restlichen sechs Kilometer und gut 200 Höhenmeter rauf. Wie geplant kommen wir vor der Sonne am Gipfel an. Der Sonnenaufgang ist dann wirklich gigantisch, ein wunderschönes Farbenspiel. Ich mache viele Fotos (dumm nur, dass sich die Compact Flash-Karte später selbst zerstört und die Bilder ins Jenseits befördert). Der Abstieg dauert dann fast genauso lang wie der Aufstieg. Der Druckunterschied macht sich in den Ohren bemerkbar und zerbeult meine Wasserflasche.
Dann geht's weiter nach Südwesten, auf die Península de Osa, nicht weit von Panama weg. Dort sehe ich zum ersten Mal den Pazifik und bade auch in dem ziemlich warmen Wasser. Beim Rumlaufen im Regenwald schaue ich den Affen beim Rumturnen im Geäst zu und erblicke dann auch einen Tukan (Papageien sowieso)! Leider hab ich kein Zelt und Kocher dabei, sonst könnte ich ein bisschen weiter in den Wald reinlaufen. Auch die Zeit wird langsam, aber sicher knapp. Mit ein paar Zwischenübernachtungen an der Pazifikküste fahre ich dann nach San José zurück. Dort esse ich mich im Hostel an den Frühstückspfannkuchen voll, um dann bald schon wieder nach Managua zurückzufahren.
Eines ist klar: Wer Spanisch lernen oder üben will, kommt am besten nicht nach Costa Rica: Da laufen einfach zu viele andere Ausländer rum, die Englisch und kein Spanisch reden. Und jegliche Touristeninformation ist auch in Englisch gehalten. Trotzdem ist es natürlich schön, Spanisch zu können. Da findet man den richtigen Bus schneller und kann sich wenigstens mal mit Einheimischen unterhalten (die gibt's schon noch). Letztere sind dann auch ganz erfreut, sich mit Touristen auf Spanisch zu unterhalten, um dann zu erfahren, dass nicht alle aus den USA kommen. Denn die Gringos, die US-Amerikaner, haben keinen allzu guten Ruf. Wahrscheinlich ist das der Grund, dass viele (Möchtegern?-) Kanadier von ihrer Kleidung bis hin zum Rucksack alles mit Ahornblättern zupflastern.
Viele Grüße aus dem sommerlichen Nicaragua
Sebastian