Mail vom 11. September 2005



Einen schönen guten Tag!

Ziemlich genau dreizehn Monate bin ich jetzt in Nicaragua, am nächsten Wochenende schon wieder zu Hause (ich freu mich schon drauf, wobei ich bestimmt einiges von hier vermissen werde). Lange habe ich mich auf diesem Wege nicht mehr gemeldet, dass will ich jetzt noch wenigstens einmal, bevor es zurück ins kalte Deutschland geht.

Die letzten Monate lassen sich als eine Phase des Abschieds beschreiben. Abschied von einer Stadt, die nicht unbedingt schön ist, aber trotzdem zu einem Stück Heimat geworden ist. Von einer Region, die von ihrer Geschichte und Kultur was ganz besonderes ist und in letzter Zeit vermehrt heftigen Problemen gegenübersteht (man denke nur an den Drogenhandel oder die Armut).
Und vor allem Abschied von vielen Menschen.
Anfang Juli erstmal von Judith und Katharina, unserer deutschsprachigen Verstärkung in Bilwi, mit denen wir einige schöne Abende verbracht haben. Dann einen Monat später von Freunden, den Schülern (die einen haben extra für mich gesungen und eine richtig schöne Abschiedsfeier auf die Beine gestellt), Mitarbeitern der Kirche und überhaupt mehr oder weniger allen, die ich halt so kennen gelernt habe in diesem Jahr. Einen Tipp wollte ich noch loswerden: Wer zufällig mal in Bilwi vorbeikommt, schaut am besten mal bei Miltons "Kupia Kumi" vorbei und trinkt ein paar von den leckeren Frescos und isst dazu ein paar Stückchen Kuchen oder sonstwas. Da lohnt sich fast die lange Anreise. Sonst gibt es in Nicaragua vor allem ganz viele gaseosas zu trinken. Da hab ich auch was total wichtiges festgestellt: Pepsi schmeckt einfach besser als Coca-Cola!

Mein Freiwilligendienst war Anfang August um. Ein Jahr, das nicht immer einfach war, aber in jedem Fall ein Jahr voller interessanter Erfahrungen, und auch ein Jahr voller schöner Momente (und die merkt man sich ja zum Glück sowieso am besten).

Schon vorher hab ich mir gedacht, dass ich auf jeden Fall Nicaragua noch ein bisschen näher kennen lernen will, bevor ich wieder zurück fliege. Jetzt bin ich knapp fünf Wochen gereist und habe es als ein schönes Land kennen gelernt, das zum Glück noch nicht von den Touristen überrannt wird. Lässt man ein paar touristische Anlaufstellen hinter sich, ist man oft der einzige Ausländer unterwegs.

Zuerst bin ich nach Bluefields, in den Süden der Atlantikküste, geflogen (und hätte fast den Flieger verpasst, es passiert eben nicht alles mit Verspätung). Dann verbrachte ich ein paar Tage auf den Corn Islands, um mal ein bisschen Karibik-Feeling mitzukriegen (der Strand und das glasklare Wasser waren schon ziemlich schön). Mit Boot und Bus fuhr ich dann Richtung Westen und ließ die Atlantikküste für dieses mal hinter mir.

Ich fahr hier viel mit Linienbussen rum. Das ist billig, man kommt fast überall hin, wo man will und es macht auch ganz schön viel Spass. Ich hab sie richtig lieb gewonnen, die Ex-Ami-Schulbusse. Es ist spannend, die anderen Leute zu beobachten oder sich mit ihnen ein bisschen zu unterhalten. An jeder Haltestelle das gleiche Bild. Eine Schar von Verkäufern kommt herein. Männer, Frauen und Kinder, vollbeladen mit Getränken, Bonbons, Hähnchenteilen und was der Reisende sonst noch so gebrauchen könnte. Während der Fahrt gibt es dann oft auch noch ein Unterhaltungsprogramm. Wenn z.B. eine mittelalte Frau die Vorzüge von irgendwelchen sinnlosen Arzneimittel anpreist, die es heute natürlich viiiieeel billiger gibt als sonst. Oder wenn ein junger Mann den Weltuntergang predigt (und dananch dafür auch noch Geld will). Nur, wenn der Bus so voll ist, dass ich meine langen Beine zusammenklappen muss, ist alles ein bisschen weniger gemütlich. Bin ein bisschen in die Berge im Norden gefahren. In den Dörfern und Städten hängen ganz viele rot-schwarze Fahnen. Das hat nichts mit der vielleicht schon baldigen großen Koalition in Deutschland zu tun, sondern das sind die Farben der Sandinisten, die dort schon immer am stärksten waren. Ich hab mir Kaffeepflanzen angeschaut, bin auf Vulkane hoch (da ist irgendwie immer schlechtes Wetter, vielleicht ganz gut zum Training...) und hab natürlich immer ganz viel Gallo Pinto gegessen.

Immer mal wieder war ich in der Hauptstadt Mangagua (und kenne inzwischen sogar ein paar Buslinien, mit denen ich rumfahren kann), die viele freiwillig nicht besuchen. Ich kann dort bei Freunden übernachten - zwar unter recht einfachen Wohnbedingen, ist aber schön, da auch ein bisschen zu Hause zu sein.

Jetzt hole ich die neuen Freiwilligen, die für ein Jahr in Bilwi leben werden, vom Flughafen ab und unterstütze sie ein bisschen beim ersten Kulturschock.

Dann muss ich nur noch mein ganzes Gepäck sicher mit dem Bus nach San José bringen. Dank Condor flieg ich von Costa Rica aus direkt nach Frankfurt. Mal schauen, wie das so ist in Deutschland (zum Studieren geh ich nach Düsseldorf)... So, jetzt hab ich keine Lust mehr weiterzuschreiben. Fragen beantworte ich gerne dann in Kürze auch persönlich :-)

Bis bald, nos vemos

Sebastián


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